Pressemitteilung
 


Ammerland, 12. März 2001
Nr. 5/2001
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ZwischenRufe - Ungefragt nachgefragt auf der ITB:
(Ent-)Spannung in der Ägäis?
Ferne aufheben heißt: sich näherkommen.

Die jährlichen ZwischenRufe des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung e.V. auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin kommen ungefragt. "Sie können hilfreich sein", so Studienkreisvorsitzender Armin Vielhaber, "wenn Wesentliches im Fluss der Dinge zu kurz kommt - wie etwa die Frage nach der (Ent)Spannung in der Ägäis - oder Überlegungen darüber, ob die Annäherung zwischen Griechenland und der Türkei anhält, ob sie politisch, kulturell und nicht zuletzt auch touristisch von Dauer sein kann?"
Darüber sprachen und diskutierten unter der Moderation von Bernward Kalbhenn (Norddeutscher Rundfunk): Eleni Torossi, Schriftstellerin und Mitglied der Griechenland-Redaktion der ARD, München/Athen, und Dr. Yusuf Örnek, Geschäftsführender Gesellschafter der Incoming-Agentur VASCO, Antalya.

Sprache, Musik, Kultur und Lebenseinstellung von Griechen und Türken seien sehr ähnlich, meint Yusuf Örnek aus dem türkischen Antalya. Dies zu erkennen, wäre er aber erst während seines Studiums in Deutschland in der Lage gewesen. "Da ist es mir dann wie Schuppen von den Augen gefallen", weiß der Touristiker zu berichten. Wie viele seiner Landsleute sei auch er mit vorgefassten Meinungen und Erfahrungen (unter anderem aus den Schulbüchern) aufgewachsen und habe dann bei seinen Begegnungen mit Griechen in Deutschland "plötzlich eine ganz neue Welt entdeckt." Eine Einschätzung, die von Eleni Torossi geteilt wird, "weil Deutschland eine Plattform ist, auf der man in einer dritten Sprache endlich offen und direkt miteinander kommunizieren" könne und "frei ist von den Einflüssen durch die heimischen Medien." Sie wisse zwar von einer Grundhaltung unter den Griechen in ihrem Land, die von einem tiefen Misstrauen gegenüber den Türken geprägt sei, betont die Schriftstellerin, aber auf der zwischenmenschlichen Ebene gäbe es viele griechisch-türkische Initiativen, die immer wieder an die Politiker auf beiden Seiten appellierten, sich für eine bessere Verständigung einzusetzen: "Der Wille ist da, die Bevölkerungen möchten zusammenkommen."
Dass diese Bereitschaft an der Basis vorhanden ist, habe er als Türke während der Erdbeben im Herbst 1999 gesehen, ergänzt Örnek. Wenn in griechischen Zeitungen zu lesen sei: "Wir sind alle Türken", und daraufhin eine Welle der Hilfsbereitschaft losbreche, "ist es an der Zeit, darauf aufzubauen." Tatsächlich habe die überwältigende Unterstützung durch die Griechen dazu geführt, berichtet Örnek, "dass nun zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Dialog zwischen den Außenministern beider Staaten geführt wird, der unabhängig von aktuellen politischen Problemen und Stolpersteinen stattfindet."
Nach Auffassung von Eleni Torossi habe das auch damit zu tun, dass die griechische Politik "endlich kapiert hat, dass es von griechischem Interesse ist, dass die Türkei in die EU aufgenommen wird und Griechenland diesen Prozess nicht länger mit seinem Veto blockiert." Die Zypern-Frage sei "ein alter Hut, den man weiterhin trägt", so glaubt Eleni Torossi, und auch "die junge türkische Öffentlichkeit", pflichtet ihr Yusuf Örnek bei, "versteht die Probleme von Zypern kaum noch und will von diesen alten Feindschaften überhaupt nichts wissen."
Dass der sogenannte "Bevölkerungsaustausch" nach dem Kleinasiatischen Krieg (1919) wie ein Trauma bis heute fortwirke, das allerdings sei eine Tatsache, die sich jetzt erst, durch Kontakte und Begegnungen zwischen den ehemals vertriebenen Dorfbevölkerungen, allmählich zu einem Besseren wende. Damals wurden immerhin 1,5 Millionen Griechen aus der Türkei und rund 400.000 Türken aus Griechenland zwangsausgesiedelt.
Während Griechen nun schon seit geraumer Zeit die Türkei ohne Visum bereisen können, ist dies für Türken in umgekehrter Richtung nur mit Visum möglich. Davon ausgenommen sind Tagesausflüge auf einige Inseln in der Ägäis. Doch trotz dieses derzeitigen Ungleichgewichts beim Reisen zwischen diesen beiden Ländern, arbeitet die Tourismuswirtschaft bereits an bilateralen Konzepten. Heute ist es immerhin möglich, vom griechischen Rhodos zum türkischen Festland zu reisen - ohne Schikanen oder teure Visaprozeduren. "Die beste Konkurrenz", so Yusuf Örnek, "ist die Kooperation."
Neben den rund 4 Millionen Deutschen, die 1999, zusammengerechnet, in der Türkei und in Griechenland Urlaub gemacht haben, sieht der türkische Touristiker vor allem die amerikanischen und japanischen Quellmärkte als touristisches Potenzial für den gesamten östlichen Mittelmeerraum. Warum soll es in naher Zukunft nicht möglich sein, Griechenland, die Türkei, Israel und Ägypten im Rahmen einer Rundreise zu besuchen, fragt Örnek. "Wir müssen lediglich Sorge dafür tragen, dass wir mit Wissen arbeiten und weniger mit Vorurteilen."
Um dazu beizutragen, wird der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. in diesem Jahr erstmals ein gemischtes griechisch-türkisches Reiseleiter-Trainingsseminar in Griechenland und in der Türkei veranstalten.

Weitere Informationen zum Thema: SympathieMagazine "Griechenland verstehen" und "Türkei verstehen". Beide Hefte können gegen Voreinsendung eines Verrechnungsschecks über je DM 6,50 beim Studienkreis für Tourismus und Entwicklung (D-82541 Ammerland, Kapellenweg 3) bezogen werden. Ab 50 Exemplare gelten Stückpreise zwischen DM 2,70 und 2,50 (zzgl. Versand/ Verpackungskosten, MwSt.).

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Verantwortlich für den Text: Klaus Betz