Ammerlander Gespräch 2000
Pressestimmen
 


Fremdenverkehrswirtschaft international, 1. November 2000


Wer zahlt die Zeche?
Ammerlander Gespräch über die Verantwortung der Branche
von Maria Lettl-Schröder

Die Zukunft touristisch genutzter Ressourcen: Wer trägt Verantwortung, wer nimmt sie Wahr? Darüber diskutierten beim 7. Ammerlander Gespräch Entscheidungsträger und Meinungsmacher - organisiert vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung.

Touristische Ressourcen gibt es nicht, es gibt nur natürliche Ressourcen, die touristisch genutzt werden, präzisierte einleitend Tourismusforscher Hansruedi Müller. Und da sieht der Wissenschaftler auch das höchste Gefährdungspotenzial. An vorderer Stelle nennt er den Verbrauch fossiler Brennstoffe mit seinen möglichen Auswirkungen auf das Klima. Daher sei die Steuerbefreiung des Kerosins unverständlich.

Die ursprünglichen Standortfaktoren, die die touristische Attraktivität einer Destination ausmachen, wurden in ihren Verschleißerscheinungen wiederholt diskutiert. Da ist auf der einen Seite der Identitätsverlust für die Menschen, die zu genervten Gastgebern werden. Auf der anderen Seite summieren sich Umweltsünden: verschmutztes und knappes Wasser, verbaute Landschaft, Schäden an Flora und Fauna, an gebauter und gelebter Kultur. Auch wenn unbestritten Armut die wichtigste Ursache für Umweltzerstörung ist - die Tourismusindustrie ist beteiligt. Aber fühlt sie sich zuständig für Schäden an Landschaft und Umwelt, für sozialkulturelle Probleme?

Der Studienkreis versuchte zu klären, wie eine nachhaltig wirksame Verantwortung zu organisieren sei. Ist die Last auf mehrere Schultern zu verteilen? Zwar hat man einen großen Teil der Verantwortung den Reiseländern selbst zugewiesen, auch mit der Maßgabe, eigene Interessen und Bedürfnisse stärker durchzusetzen. Sogar Verdrossenheit könne als Regulativ eingesetzt werden, Grenzen zu ziehen. Doch der Studienkreis-Vorstandsvorsitzende Armin Vielhaber formulierte Unbehagen darüber, die Zielländer damit allein zu lassen. Er forderte eine "vielseitige Verantwortung derer, die damit Geld verdienen". Sonst laufe man Gefahr, dass sich zwischen der womöglich "organisierten Unverantwortlichkeit" und der bloßen Zuflucht in die Individualethik ein Vakuum auftut. Denn ebenso müssten Veranstalter selbstverantwortlich handeln. Zu einem Teil stellen sich die Tourismusunternehmen bereits dieser Verantwortung und beschränken sich dabei nicht allein auf Fragen der Legalität (rechtliche und Haftungsaspekte). Vielmehr seien Standards der Unternehmenskultur oder Qualitätszertifizierungen Beispiele für ein Bemühen um eine eher moralisch-ideologisch ausgerichtete Legitimität, differenzierte ein Firmenrepräsentant.

Was heißt das in Mark und Pfennig?

Dazu zähle auch das Engagement etlicher Veranstalter in der Tour Operators Initiative (TOI), die sich dem verantwortlichen Handeln für Mensch und Umwelt verpflichtet hat. In Mark und Pfennig drückt sich die Verantwortung jedoch eher selten aus. Kostendruck und der Zwang zum wirtschaftlichen Deckungsbeitrag verhindern den finanziellen Einsatz.

Neben Reiseländern und Veranstaltern ist der Urlauber selbst in die Pflicht genommen: Offen und respektvoll soll er sich verhalten, bereit sein, sich zu informieren, und nicht erwarten, dass sich das Land seinen Interessen unterwirft.

Im Gegenzug bedeutet das, "Traumverkäufer und Erlebnisinszenierer" müssten ihrerseits ihre Katalogausschreibungen, die bisweilen "paradiesische" Erwartungen weckten, kritisch reflektieren. Schließlich seien auch Neugier und Fernweh des modernen Freizeitmenschen touristisch genutzte Ressourcen.

Ermutigend findet Armin Vielhaber, dass "ein Lernprozess in Gang gekommen ist". Denn der Vergleich mit Forschungsergebnissen von Anfang der 90er Jahre habe ergeben, dass Reiseanbieter heute mehr und differenziertere Maßnahmen vorgeschlagen hätten, wie nachhaltige Tourismuskonzepte und -projekte unterstützt werden können. Auch engagierten sich Anbieter stärker: bei der Qualifizierung von Reiseleitern, beim Umweltschutz und in Hinblick auf eine erhöhte Wertschöpfung in Zielländern.

Die Frage des Studienkreises nach der Verantwortung ist so angebracht wie verdienstvoll. Doch weniger wäre mehr gewesen. Ob Steuerbefreiung für Kerosin, Wassermangel oder die Respektlosigkeit von Urlaubern, ob europäisches Massenziel oder Entwicklungsland: Angesichts der Fülle von Fehlentwicklungen blieben Antworten auf die Kernfragen, wer Verantwortung trägt und wie sie zu organisieren sei, wenige konkret und undifferenziert.



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