Ammerlander Gespräch 2001
Pressestimmen
 


Maria Lettl-Schröder im Oktober 2001


Gestalter oder Spielball der Märkte?

Urlaubsländer sind Teil des Marktes und Partner im touristischen Geschäft. Doch die Partnerschaft ist brüchig, das zeigte das 8. Ammerlander Gespräch des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung. Branchen- und Medienleute diskutierten darüber, ob Feriendestinationen Spielball oder Gestalter der Märkte sind.

Integrierte, international agierende Touristikkonzerne huldigen vor dem Hintergrund der Globalisierung und dem Druck von Gesellschaftern und Analysten längst dem Aktienkurs: Was zählt, ist die Rendite. Und so ist es keine Frage, dass sie ihre geballte Anbietermacht einsetzen, um Feriendestinationen ihren Stempel aufzudrücken.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Massenziele. Zumal in Krisenzeiten lasten die Großen bevorzugt eigene Flugsitze und Hotelbetten aus. Selbst die nicht zum Konzern gehörenden Reisebüros stehen durch entsprechende Provisionsmodelle unter Druck. Das Engagement der Tourismusindustrie in Reiseländern kann sogar rein strategischer Natur sein, etwa um Wettbewerber in die Schranken zu weisen oder Destinationen zur Preisdisziplin zu zwingen. Kann es unter diesem Vorzeichen überraschen, dass sich viele Ferienländer mehr als Spielball denn als Gestalter im Markt erleben? Hat Tourismus noch irgendetwas mit Begegnung zu tun?

Mancher, der sich die touristische Entwicklung in der Türkei vor Augen hält, zweifelt dort, aber auch in anderen Massenzielen, an einer selbstbestimmten Gestaltung: Die Global Player beherrschten den Markt. Kostensenkung um jeden Preis heißt oft genug Verflachung und Verarmung der Urlaubsangebote. So beklagen beispielsweise engagierte Touristiker im Jemen, dass Kleinbusse Jeeps ersetzen sollen, obwohl dann wichtige Routen gar nicht mehr zu befahren sind. Die Konzerne ihrerseits heben ihr Investitionen in Zielgebieten hervor. So hätten die Branchengrößten mit Hilfe von Krediten Hotelmodernisierungen in Bulgarien oder Rumänien gefördert und die Länder damit wieder wettbewerbsfähig gemacht.

Bei aller berechtigten Kritik am starken Einfluss der Leistungsträger im internationalen Tourismus - die Ferienländer müssen sich schon fragen lassen, ob sie ihre Einflussmöglichkeiten tatsächlich nutzen. Oft folgen sie allzu willfährig Ratgebern, die weniger an eine adäquate Tourismusentwicklung denken, denn an kurzfristige Gewinne. Interessenverflechtung und Korruption sorgen auch ohne Veranstalter für Sünden in Sachen Kulturerbe und Umwelt. In der Türkei etwa spricht der Verschleiß von Tourismusministern für sich. So wie sich ein Ressortchef nach dem anderen verabschiedet bleibt eine langfristige, strategische Tourismusplanung auf der Strecke.

Die Destinationen müßten ihren Gestaltungsspielraum konsequenter ausloten, meint die Präsidentin des Corps Touristique, Edith Hunzinger: Die Länder sollten sich auf die eigenen Stärken besinnen und fragen, wie sie am besten vermarktet werden können. Hunzinger zieht ein selbstbewusstes Fazit: "Wir sind Akteure, keine Marionetten."



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