Ammerlander Gespräch 2004
Pressestimmen
 


Südwest Presse, 3. November 2004


Mittler zwischen dem Islam und dem Westen
Hubert Kaltenbach

Tourismus kann Brücken schlagen zwischen islamischen Ländern und christlich-westlich orientierten Staaten, sofern Einheimische und Urlauber aufeinander zugehen. Die Fachleute beim 11. Ammerlander Gespräch in Istanbul mussten aber auch einräumen, dass Irakkrieg und Terroranschläge die Kluft zwischen dem Orient und dem Westen vergrößert haben.

Obwohl Reisen nach Ägypten und in die Türkei stark gefragt sind, haben die Urlauber eine "latente Angst" in diese Länder zu reisen, sagte ein Studienreiseveranstalter. Allerdings überwinden jene Urlauber, die ein von einem Anschlag betroffenes Land schon bereist haben, ihre Bedenken schneller als jene Reisende, denen das Land fremd ist. Ein Islamwissenschaftler umschrieb dieses Phänomen mit der "Relativität des Schreckens".

Nicht zuletzt verdränge das schmale Urlaubsbudget Sicherheitsbedenken. So seien in der Türkei und in Ägypten günstige All-inklusiv-Angebote der Renner. Darüber hinaus gebe es aber auch Kunden, die gezielt nach einem Anschlag ein betroffenes Land bereisten, weil sie sich dann besonders günstige Reiseschnäppchen erhofften.

Nach wie vor existiere in Deutschland eine Angst vor dem Muselmann, stellte eine Islamwissenschaftlerin fest, auch wenn die Toleranz gegenüber Muslimen größer geworden sei. Die deutschen Medien berichteten zwar regelmäßig über islamische Länder, doch würden Muslime auf Fotos meist nur in gebückter demütiger Gebetshaltung von hinten gezeigt. Eine Geste, die nur ein Bruchteil des Gebetes ausmache. Gerade solche Fotos aber prägten das Bild vom Islam.

Die Expertin verwahrte sich dagegen, alle islamische Länder in einen Topf zu werfen. Die Länder seien nicht nur wirtschaftlich und kulturell verschieden, sondern auch in ihren religiösen Gebräuchen. Viele arabische Länder stünden angesichts politischer Unterdrückung einerseits und wirtschaftlichem Aufbruch andererseits an einem gesellschaftlichen Wendepunkt.

Während ein syrischer Teilnehmer vom Hass der islamischen Länder gegenüber den USA sprach, sagte eine Wissenschaftlerin, dass viele junge Iraner lieber heute als morgen die demokratischen Werte Amerikas in ihrem Land umgesetzt sähen. Denn nicht die Amerikaner blockierten eine freiheitliche Entwicklung, sondern die konservativen Ayatollahs im eigenen Land.

Grundsätzlich waren sich die Teilnehmer einig, dass für ein wechselseitiges Verständnis der Kulturen Begegnungen zwischen Reisenden und Einheimischen gefördert werden sollten. Wie dies allerdings für tausende von Touristen organisiert werden könnte, blieb offen. Es seien vor allem Individual- und Studienreisende, die Kontakte mit Einheimischen aufnähmen.

Eine zentrale Vermittlerrolle spielen die Reiseleiter, vor allem die vom Studienkreis für Tourismus ausgebildeten so genannten "interkulturellen Fremdenführer". Sie seien geschult, nicht nur den Vorurteilen der Gäste zu begegnen, sondern die kulturellen Besonderheiten beider Seiten darzustellen. Dazu gehöre, Negatives auf der einen Seite nicht zu verschweigen und fremde, oft unverständliche Sitten zu erklären.

Wie eine Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Reiseausschusses des Deutschen Bundestages sagte, sollte vor allem der interkulturelle Dialog zwischen Jugendlichen gefördert werden. So sei geplant, auf der nächsten Tourismusbörse in Berlin eine so genannte Green Card für jugendliche Reisende vorzustellen. Auch könnten möglicherweise bald bei Wettbewerben wie Jugend musiziert oder Jugend forscht künftig auch ausländische Jugendliche einbezogen werden.



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