Ammerlander Gespräch 2007
Pressestimmen
 


Südwest Presse, 30. November 2007


Urlaubsziel Ghana statt Garmisch

Klimaschutz contra Entwicklungshilfe? Die Menschen in den Ländern der Dritten Welt sind auf Touristen angewiesen. Sie zu besuchen sei wichtiger, als die durch die Flugzeuge verursachte Luftverpestung. "Ghana statt Garmisch" hieß es daher bei den Ammerlander Gesprächen.
VON HUBERT KALTENBACH

"Sylt statt Seychellen." Diesen Slogan riefen deutsche Touristiker Anfang des Jahres, als der Umweltbericht der Vereinten Nationen für Schlagzeilen sorgte. Mit am Pranger standen die CO2-schädlichen Abgase durch den Flugverkehr. Pro Passagier fallen auf einem Fernflug nach Bali hin und zurück immerhin 9920 Kilogramm CO2 an. Eine Bahnreise von Süddeutschland aus nach Sylt fällt dagegen nur mit 108 Kilogramm CO2 pro Fahrgast ins Gewicht.

Mit einem Plädoyer für einen globalen Tourismus hielt ein Cheftouristiker dagegen. "Ghana statt Garmisch" lautete bei den 14. Ammerlander Gesprächen seine Forderung. Diese werden jährlich im Herbst vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung veranstaltet. Rund zwei Dutzend führende Vertreter von Reiseveranstaltern, Luftfahrtgesellschaften und Medien nahmen an der Veranstaltung im bayerischen Kloster Reutberg in Sachsenkam bei Bad Tölz teil. Zum Prozedere der Tagung gehört, dass die Teilnehmer in der Berichterstattung nicht namentlich zitiert werden dürfen. Denn das soll diese ermuntern, ihre Thesen und Meinungen offen und polarisierend zu diskutieren.

Nur "verantwortungslose Saubermänner" könnten allein dem Urlaub in Deutschland das Wort reden. Im Gegenteil müssen "wir die Urlauber gewinnen, ihren sozialen Beitrag für die Dritte Welt" zu leisten", in dem sie dort ihre Ferien verbringen. Tourismus vor Ort schaffe Arbeitsplätze und trage als saubere Industrie mehr zur Klimaverbesserung bei als der Klimaschaden, der durch die Flüge verursacht werde. Vorausgesetzt, es würden hiesige Umweltstandards beim Bau von Ferienanlagen angewandt.

Globale Gerechtigkeit, einhergehend mit der Bekämpfung von Armut sei das Gebot der Stunde und nicht der Klimaschutz allein, forderte ein weiterer Spitzenmanager. Eine Vertreterin eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismusprojektes in Ghana unterstützte seine These. "Die Menschen in Ghana hätten kein Verständnis, wenn die Gäste nicht mehr kämen." Im Gegenteil lautet deren Hilferuf: "Kommt! Kommt!"

Nicht zu fliegen, ist der beste Weg, die Klimakatastrophe zu verhindern, hielt ein Teilnehmer dagegen. Der einzelne Tourist könne sich angesichts der derzeitigen Klimabilanz nicht der Verantwortung entziehen, einzusehen, welche schädlichen Auswirkungen sein Ferienflug verursache. Auch die freiwilligen Umweltabgaben, die derzeit einige Organisationen einforderten, um als Ausgleich für den CO2-Ausstoß Umweltprojekte in der Dritten Welt zu finanzieren, ändere nichts an der Tatsache, dass die verursachten Schadstoffe in der Umwelt verblieben. Das geförderte Umweltprojekt verhindere allenfalls, dass zusätzliche Emissionen vermieden werden. Davon abgesehen zahle nur ein Bruchteil der Passagiere die freiwillige Abgabe.

Ein Vertreter der Luftfahrtindustrie sprach sich gegen jede Form von Gängelung der Wirtschaft aus. Höhere Kerosinpreise und der harte Preiswettbewerb trügen von selbst dazu bei, dass die Unternehmen jede technische Möglichkeit nutzten, um den Verbrauch von Kerosin, und damit in Folge auch die CO2-Verschmutzung zu verringern. Neue Flugzeuge verbrauchten heute schon deutlich weniger Kerosin als noch vor zehn Jahren. Die Luftfahrtunternehmen seien sich sehr wohl bewusst, welcher gesellschaftlichen Verantwortung sie nachzukommen hätten. Doch jede technische Verbesserung werde durch die stete Zunahme des Flugverkehrs wieder aufgehoben. Und was passiere, wenn Millionen Chinesen, die derzeit ihre Fahrräder gegen Autos austauschten, demnächst Flugpassagiere würden, wurde provokant gefragt.

Der Tourismus steckt in einem Dilemma. Die Unternehmen sind darauf angewiesen, ihre Kunden mit dem Flugzeug an den Ferienort zu bringen. Sogar die mehr als 140 im Forum Anders Reisen umweltverträglich organisierten Veranstalter seien auf Flugzeuge als Transportmittel angewiesen, betonte ein Tagungsteilnehmer. Die Forderung an die Mitglieder, beispielsweise nur solche Fernreisen anzubieten, die mindestens zwei Wochen dauerten, dämpften die ökologischen Schäden nur minimal. Sie seien allenfalls eine Beruhigungspille für das ökologische Gewissen. Im Übrigen konterkarierten einige dieser Anbieter ihre eigenen Umweltansprüche dadurch, dass sie beispielsweise in ihren südamerikanischen Urlaubszielen zahlreiche Inlandsflüge im Programm hätten.

Die Meinungen konnten am Ende der Tagung nicht gegensätzlicher sein. "Ich bin optimistisch, weil der menschlichen Phantasie zur Lösung von Problemen keine Grenzen gesetzt sind. Ziel ist, die Emissionsbilanz so schnell als möglich nach unten zu bringen", gab sich ein Veranstalter zuversichtlich. Ein anderer bilanzierte, dass die derzeitige Klimaveränderung "kein Wirbelsturm ist, der vorbeigeht", sondern eine Überlebensfrage der Menschheit. Auch der Tourismus müsse sich deshalb der Verantwortung stellen, mit ökologischen Produkten den Klimaschäden entgegenzuwirken.



INFO

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung arbeitet an Themen und Konfliktfeldern touristischer Möglichkeiten und setzt sich dafür ein, die Würde, Sicherheit und Gerechtigkeit aller am Tourismus Beteiligten zu fördern. Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung ist ein eingetragener Verein mit gemeinnützigen Zielen. Internet: www.studienkreis.org





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