Ammerlander Gespräch 2007
Pressestimmen
 


Tölzer Kurier, 2. November 2007


Wie viel Fliegen ist erlaubt?

Ein Flug München-New York verursacht pro Person über 4000 Kilogramm CO2, so viel wie zwei Jahre Autofahren. Und trotzdem boomt der Luftverkehr. Welche Konsequenzen dies hat, darüber diskutierten auf dem Reutberg zwei Dutzend Führungskräfte von Reiseveranstaltern und Fachjournalisten aus der ganzen Bundesrepublik.
VON JOACHIM BRAUN

Sachsenkam – Spätestens seit sich Anfang Oktober im schweizerischen Davos die Tourismus-Organisation der Vereinten Nationen mit den Herausforderungen des Klimawandels befasst hat, ist das Thema in der Branche angelangt. Aber werden auch die richtigen Schlüsse daraus gezogen? Gibt es so etwas wie eine Kohlenstoff-Gerechtigkeit auf der Welt?

Bei der 14. Auflage der in der Branche hoch angesehenen "Ammerlander Gespräche" des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung auf dem Reutberg kamen extreme Meinungen zum Ausdruck. Hier die Vertreter großer Touristikkonzerne mit der provokanten These: Mehr Tourismus bedeutet weniger Kohlenstoff. Und dort die Vertreter kleiner von jeher auf ökologisches Reisen bedachten Veranstalter, die aus Sorge um künftige Generationen jeglichen Fernreisen abschwören und stattdessen ab Februar 2008 in 175 Tagen mit dem Fahrrad von der Olympiastadt Athen in die Olympiastadt Peking fahren.

Bei den Reiseveranstaltern herrscht im Moment eher Ratlosigkeit. Wie die Autoindustrie hatten sie das Klima- Thema bis zuletzt verschlafen. Anders als die Autohersteller mit ihren Hybrid-Fahrzeugen sind sie auf den Klimazug bis heute noch nicht aufgesprungen, und das, obwohl erst kürzlich ein Drittel der Bundesbürger bekannt hat, Flugreisen einzuschränken oder ganz zu verzichten.

Äußerst engagiert wurde auf dem Reutberg diskutiert, die Forderung nach völligem Verzicht auf Fernreisen blieb aber eine Einzelmeinung. Auch die Rednerin, die im westafrikanischen Ghana ein touristisches Hilfsprojekt betreibt, betonte die Bedeutung von Urlaubsgästen für den wirtschaftlichen Anschluss der Entwicklungsländer. Selbst bei den Konzernen ist man sich dieser Verantwortung inzwischen bewusst. Ein Ergebnis der UN-Konferenz in Davos war die Forderung, Flüge in die ärmsten Länder aus der weltweiten Kohlendioxid-Rechnerei herauszunehmen. Denn die Hilfe durch Tourismus sei höher zu bewerten. Und ein ressourcen-schonender Tourismus habe auf die Wirtschaft in diesen Ländern Vorbildwirkung.

Welche Verantwortung aber haben wir, die Kunden? Sollen wir, dürfen wir noch fliegen? Diese Frage muss jeder selbst beantworten, so der Tenor der Tagung. So wie auch jeder selber entscheiden könne, ob er den klimatischen "Ablass-Handel" bei Internetportalen wie www.atmosfair.de unterstützt. Es wäre aber schon viel erreicht, wenn die politischen Rahmenbedingungen optimiert werden. Weiterhin werde, so ein Reiseveranstalter aus München, der Wettbewerb in der Luftfahrt durch Subventionen in dreistelliger Millionenhöhe zugunsten der Billigflieger verfälscht. Und aufgrund nationaler Egoismen in der Flugsicherung müssten Flugzeuge zickzack fliegen und pumpten unnötig tonnenweise CO2 in die Luft.



Studienkreis

Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung hat seinen Sitz in Ammerland. Auf dem Sachsenkamer Reutberg, wo der Studienkreis-Vorsitzende, der Tourismusforscher Armin Vielhaber, wohnt, finden seit 1994 einmal im Jahr die "Ammerlander Gespräche" statt. Sie sind eine Begegnung von Managern aus der Tourismus-Industrie und Reise-Journalisten, die jedes Mal ein aktuelles Thema diskutieren. Ansonsten kümmert sich der als Verein organisierte Studienkreis um "Konfliktfelder touristischer Entwicklung" und setzt sich gerade in Entwicklungsländern für "menschliche Würde, Sicherheit und Gerechtigkeit" ein. Tourismus soll, so heißt es, "zur interkulturellen Begegnung" beitragen. Außerdem gibt der Verein die "Sympathiemagazine" mit Länderinformationen heraus. Mitglieder im Studienkreis sind Wissenschaftler, Journalisten und Reiseveranstalter. Mehr zur Arbeit des Studienkreises gibt es im Internet unter www.studienkreis.org.





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