Ammerlander Gespräch 1997
Pressestimmen
 


Neues Deutschland, 20. Oktober 1997


Die Reisebranche übt ökologischen Ablaßhandel
Einige Hoffnungsschimmer, aber die Zerstörung der Natur geht vorerst munter weiter
von Jochen Reinert

Wer die Bettenburgen an spanischen Stränden oder die Müllhaufen in sensiblen Gebieten wie dem Himalaja gesehen hat, weiß: Der Tourismus ist ein Umweltsünder großen Stils. Wie dem begegnet werden kann, war dieser Tage Thema des "4. Ammerlander Gesprächs für Entscheidungsträger und Meinungsmacher im Tourismus".

Das bayerische Alpenvorland im Frühherbst - das ist alles andere als eine von Touristen zerstörte Landschaft. Hier fallen nicht die Millionen des "Reiseweltmeisters" Deutschland ein, hier lugen die Dörfer mit ihren Kirchtürmen aus grünen Weiden und gesunden Wäldern, und die Naturschutzgebiete werden wie Augäpfel gepflegt und gehegt. Und so schauten die zwei Dutzend Chefs von Reiseunternehmen wie TUI, ITS, Studiosus, Ikarus und Hauser und die Journalisten von etlichen deutschen Medien aus der Behaglichkeit der heilen Landschaft hinaus in die vom Tourismus vielfach verkarstete Welt.

Einmaliges Forum

Sie taten dies diesmal allerdings nicht von Ammerland am Starnberger See aus, wie der Titel der Gesprächsrunde vermuten ließ, sondern vom romantischen Kloster Reutberg nahe Bad Tölz. Ammerland - das ist der Sitz des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, einer in der Bundesrepublik einmaligen Nichtregierungsorganisation, die seit über 20 Jahren die Entwicklung des Reisens kritisch begleitet. Hier versuchen kundige Beobachter aus Kirchenkreisen und Gewerkschaften sowie Tourismusforscher alternative Vorstellungen zum zerstörerischen Massentourismus zu entwickeln. Sie publizieren "Sympathiemagazine" über einzelne Reiseländer und Spezialthemen wie "Islam verstehen" oder demnächst auch "Umwelt verstehen", veranstalten Motivationsseminare für Dritte-Welt-Reiseleiter und - just die Ammerlander Gespräche, die zuvor von der Unternehmenskonzentration in der Reisebranche oder von Menschenrechtsverletzungen und Terrorismus in Reisezielländern handelten.

Diesmal also wählten die Ammerlander das Thema "Umweltengagement der Reiseveranstalter: Globale Mitverantwortung oder öko-logischer Ablaßhandel?", und sie taten dies nicht zuletzt deshalb, weil im Sog eines "aggressiven Verdrängungswettbewerbs" die Rücksichtnahme auf die Natur immer mehr ins Hintertreffen gerät. Schon vor zehn Jahren urteilten in Enqueten drei Viertel aller befragten Reisenden, der Tourismus belaste die Umwelt, und die Reiseveranstalter unternähmen zu wenig dagegen. Seither, so die ernüchternde Bestandsaufnahme, haben sich zwar einzelne deutsche Reiseunternehmer dieser Problematik angenommen, die meisten zeigen sich jedoch abwartend.

So geht die Zerstörung der Natur in den "Tourismusdestinationen" auf allen Kontinenten im wesentlichen munter weiter: Zwar entstehen partiell bisweilen auch blühende Tourismuslandschaften, aber generell werden immer größere Flächen versiegelt, Tropenwälder zugunsten riesiger Ferienkomplexe oder Golfanlagen abgeholzt, Arten bedroht, die Wasserressourcen geplündert und so weiter.

Ausnahmen bestätigen eher die Regel. Da sind zunächst kleinere Reiseunternehmen wie Studiosus, Hauser und Ikarus, die einem mehr auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittenen Qualitätstourismus frönen. Der Münchner Trekkingveranstalter Hauser etwa formuliert in seinen Prospekten beinahe schon utopisch anmutende Tourismusziele: Erhaltung und Verbesserung des Ökosystems, Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage im Zielland, gegenseitige Unterstützung bei der Durchsetzung der Umwelt- und sozialen Ziele vor Ort. Aber auch einige der Großen versuchen sich in dieser Richtung - wobei ihre Motivation durchaus mit Gewinn und heftiger Imagepflege zu tun hat.

Ein Umweltmessias

Als Vorreiter gilt hier das Hannoveraner Reiseunternehmen TUI, das sich mit dem messianischen Forscher Dr. Wolf Michael Iwand einen hochdotierten Umweltdirektor leistet. "Ich habe beim größten europäischen Reiseveranstalter", erklärt er selbstbewußt gegenüber ND, "ein solches Maß an Problembewußtsein und Aktivitäten eingebaut, das in der Branche einmalig ist." In 150 Zielgebieten seien hunderte Hotelbesitzer bereit, nach den Umweltstandards von TUI zu wirtschaften. Dabei ist freilich nicht alles glatt gegangen. Der auch von TUI betriebene "Event-Tourismus", Kurzreisen zu Konzerten auf Mallorca etwa oder zum Abendessen am Nordkap, ist in die Kritik geraten. "Bei einem Concorde-Flug übers Wochenende nach New York muß man sich freilich fragen, ob das angesichts der großen ökologischen Belastungen sein muß", reagiert Dr. Iwand auf solche Vorwürfe.

Derzeit treiben Dr. Iwand freilich größere Dinge um: Die südostasiatische "Reisedestination" ist total verräuchert, und Acapulco liegt nach dem Hurrican "Pauline" darnieder - "El Niño" läßt grüßen. "Wir können nicht ganze Zielgebiete abschreiben", meint er besorgt. "Wir müssen uns einmischen, wir müssen an den Ursachen ansetzen, und das können wir als großes Unternehmen besser als die kleinen", spricht er sich Mut zu.

Der Tourismus ist freilich nicht der Urheber von "El Niño", aber er ist a priori umweltschädlich, so eine Quintessenz des Ammerlander Gesprächs, und es müsse unbedingt mehr unternommen werden, um vorzubeugen und die dringendsten "Reparaturen" vorzunehmen, damit nicht, wie etwa auf Mallorca, vom Tourismus zerstörte Inselteile aufgegeben werden müssen. Doch es gibt nicht nur im Hinblick auf TUI und jene kleinen Reiseunternehmen einen schmalen Hoffnungsschimmer am Horizont. Die just am Tage es Ammerlander Gesprächs in Bonn vorgelegte Umwelterklärung von neun Spitzenverbänden des deutschen Tourismus reflektiert die große Besorgnis der Branche, dass eines Tages die natürlichen Ressourcen für den Tourismus aufgebraucht sein könnten. Da stehen goldene Worte wie "Der Tourismus muß langfristig sowohl ökologisch, als auch ökonomisch tragfähig sowie ethisch und sozial tragfähig sein." In zehn "Leitlinien" wird sogar das "souveräne Recht der Bevölkerung in den Zielregionen auf eine selbstbestimmte Tourismusentwicklung" anerkannt.

"Das liest sich ganz gut", kommentiert die Berliner Dritte-Welt-Journalistin und Mitbegründerin des Studienkreises, Ludmilla Tüting. "Unsere Kampagne gegen den Sextourismus war erfolgreich - warum sollte uns dies nicht auch in Sachen Umwelt gelingen?"

Auch Halo Saibold, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Fremdenverkehr und Tourismus (Bündnis90/Grüne), lobt den Text der Umwelterklärung, schränkt aber gegenüber ND zugleich ein: "Wenn das alles ernst genommen würde, hätten die Grünen in den Reiseunternehmen eine wunderbare Lobby." Sie glaubt, dass der schöne Text eher nach außen gerichtet ist und nicht von allen Reiseunternehmen mitgetragen wird, sie sieht aber auch gute Anknüpfungsmöglichkeiten: Nicht immer öfter, kürzer und Last-Minute-Reisen, sondern mit Rücksicht auf Umwelt und Klima seltener fahren, länger bleiben und intensiver erleben.

Asiatische Weisheit

Unterdessen geht der Ausbau des Ferntourismus in immer entlegenere Gebiete weiter. Das freut zwar den Pauschaltouristen, ist aber hochproblematisch, weil so die umweltschädlichste Reiseart, das Fliegen, enorm ausgedehnt wird. Schon jetzt, war zu hören, sind auf dieser Welt pro Minute 9 bis 16 Millionen Menschen in der Luft - wenn freilich auch nicht alle auf dem Wege in ein Urlaubsparadies. Einer der Gründe: wegen der Lobby der Ölkonzerne und Luftfahrtunternehmen wird das Flugbenzin nicht besteuert.

Internationale Regelungen für einen umweltverträglichen Tourismus müssen her - das war eine weitere Quintessenz des Ammerlander Gesprächs. Doch die Aussichten darauf sind gering. Die in Madrid ansässige Welttourismus Organisation WTO wird dafür nicht als einflußreich genug angesehen, während der neugegründete Namensvetter WTO, der neben dem Welthandel auch Dienstleistungen regelt, da wesentlich potenter erscheint. Aber auch die UN-Umweltorganisation UNEP, zuständige EU-Organe oder das internationale NRO-Netzwerk IUCN können Partner in diesem Bestreben sein.

"Tourismus ist wie Feuer", heißt es in einer vom Ammerlander Studienkreis verbreiteten "Asiatischen Weisheit", "man kann seine Suppe damit kochen, man kann aber auch sein Haus damit abbrennen." Die Zeichen stehen trotz allem auf Abbrennen. Und das, was die Tourismusbranche bisher dagegen tut, ist - so jedenfalls Halo Saibold - nicht viel mehr als ein Ablaßhandel.



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