Ammerlander Gespräch 1997
Pressestimmen
 


Frankfurter Rundschau, 15. November 1997


Einzelkämpfer und Ignoranten
Viertes Ammerlander Gespräche zum Thema Veranstalter und Umwelt verheißt wenig positive Perspektiven
von Herbert Fritz

Um die Tourismuskritik haben sich die Schweizer in besonderer Weise verdient gemacht. Über die Auswirkungen der massenhaften Urlaubsreisen auf die heimgesuchte Natur und Bevölkerung sind von Freizeitforschern wie Jost Krippendorf, Ueli Mäder oder Hansruedi Müller mahnende Worte schon zu Zeiten gesagt und geschrieben worden, als der Strom der Ferienmenschen noch eher wie ein Bächlein plätscherte. Dass es gerade in der Schweiz in Sachen Reiseveranstalter und Umweltschutz zappenduster ist, mußte jüngst die Runde des diesjährigen Ammerlander Ge-spräches vernehmen, zu dem der (deutsche) Studienkreis für Tourismus und Entwicklung zum viertel Mal "Entscheidungsträger und Meinungsmacher" ins Oberbayerische geladen hatte.

Das Umwelt-Engagement der Veranstalter: in der Schweiz gleich Null. Das Konzept der "Ökoviren", mit denen Professor Hansruedi Müller vom Berner Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus die Branche gerne durchseucht sähe, habe versagt, berichtete ein Schweizer Reisemittler. Bei den Urlaubsmachern in seinem Lande herrsche ein eklatanter Mangel an Problembewußtsein vor. Mißstände würden negiert und deren Beseitigung - z.B. an Umweltverbände - delegiert. Weder übe die Öffentlichkeit Druck auf die Veranstalter aus, noch spürten diese einen nennenswerten Widerstand der Kunden. Und das in einer extrem angespannten Marktsituation. Wer halbjährlich Bilanzpressekonferenzen abhalten müsse, so der Agenturchef, tue sich schwer mit einem langfristigen Öko-Engagement.

In Deutschland sieht es nur partiell besser aus. "Die Ökologie hat in unserem Wirtschaftssystem eigentlich keinen Platz", formulierte der Vertreter eines Großveranstalters ketzerisch. Dessen Haus freilich zeigt, dass es auch anders geht. Dort leistet man sich immerhin einen Umweltbeauftragten. Der nimmt unter anderem Einfluß auf die Auswahl der Hotels und deren Ausstattung nach ökologischen Gesichtspunkten. Sein Wort hat Gewicht bei der Erschließung von Zielgebieten, sein Arm reicht bis in politische Gremien am Urlaubsort. "Destinationsmanagement" war eines der Schlüsselwörter beim diesjährigen Ammerlander Gespräch.

Dass sich das Gros der deutschen Veranstalter einen Dreck um den nämlichen schert, machte die Diskussion aber ebenso deutlich wie das von der Schnäppchenjagd dominierte Kunden(des)interesse. Das Ganze begleitet von der nachlassenden Präsenz der Thematik in den Medien, in der Öffentlichkeit. Wie die Veranstalter, hätten auch die Presse und die elektronischen Medien Verantwortung zu tragen, war sich die zugunsten der ungeschminkten Rede um Anonymität bemühte Runde einig. Desgleichen darüber, dass man die durch den Tourismus mitverursachten Umweltprobleme nicht durch die Mehrfachnutzung von Hotelhandtüchern oder das Abschaffen der Portionspackungen von Marmelade löst. Globale Mitverantwortung erfordere, sich vom derzeitigen Einzelkämpfertum zu verabschieden zugunsten koordinierter Konzepte, beispielsweise gemeinsam erarbeiteter Umweltstandards für die von deutschen Veranstaltern "beschickten" Destinationen.

Aus eigener Kraft, so das wenig ermutigende Fazit, dürfte die Branche im hausgemachten Hauen und Stechen des Marktes dazu kaum in der Lage sein. Impulse wären notwendig seitens der Politik. Doch werden diese allenfalls nach einem Regierungswechsel erwartet und auch dann mit gemischten Gefühlen. Eine ökologische Steuerreform wie angesprochen, mit dramatisch erhöhten (Flug-) Benzinpreisen, treibt auch grün gefärbten Reiseunternehmern die Zornesröte ins Gesicht.

Business as usual? Neun Spitzenorganisationen der deutschen Tourismuswirtschaft haben sich dieser Tage zu einer gemeinsamen Umwelterklärung durchgerungen, die eine Vernetzung der Initiativen zu einer der Leitlinien erhebt. Man redet miteinander. Auch in Oberbayern. Bei frischgezapftem Weißbier und warmem Leberkäs'.



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