Ammerlander Gespräch 1999
Pressestimmen
 


Frankfurter Rundschau, 30. Oktober 1999

Schlechte Karten für die Ethik
"Ammerlander Gespräch" über ein touristisches Wertesystem

Von Herbert Fritz

Gibt es ein ethisches Handeln im Tourismus? Erfordern die Urlauberströme eine besondere ethische Verantwortung gegenüber den sogenannten Bereisten? Sind "gute" Urlaubsreisen mit einem guten Geschäft vereinbar oder ist Ethik im Tourismus nur eine Fahrradbremse an der Dampfwalze?

"Ethik ist Nachdenken, ist in erster Linie Rationalität", sagt der Universitätsprofessor. Und: "Ethik braucht Distanz von der eigenen Befindlichkeit". Für beides trafen sich dieser Tage Vertreter der Reisebranche, Wissenschaft und Medien vor den Toren Münchens zum sechsten "Ammerlander Gespräch", ein Forum des offenen Wortes zwischen den Disziplinen, veranstaltet vom renommierten Studienkreis für Tourismus und Entwicklung. (Der freien Rede wegen - so ist für die Berichterstattung vereinbart - werden die Teilnehmer nicht namentlich genannt.)

Wie schwer man sich mit dem Formulieren ethischer Grundsätze für den Tourismus tut, hat das langjährige Ringen um einen Ethik-Kanon gezeigt, wie er jüngst von der Welttourismusorganisation (WTO) bei deren Generalversammlung in Santiago de Chile verabschiedet wurde. "Eine lieblos-schlampige Aneinanderreihung von Banalitäten", beurteilt der Chef eines Studienreiseunternehmens das Ergebnis.

Mit Sätzen wie "Beim Reisen sollten Touristen und Besucher keine kriminellen Handlungen begehen", setzt der "Global Code of Ethics for Tourism" in der Tat nicht gerade Maßstäbe. Prügel bezog das WTO-Prinzipienwerk bei der Tagung aber vor allem wegen der vernachlässigten Sozialverträglichkeit und eurozentrischen Schieflage. Es fehle ein fairer Interessenausgleich zwischen Reisenden und Bereisten wurde kritisiert. Das "Recht auf Tourismus", das die WTO allem überordne, sei schlichtweg peinlich.

Nach Ansicht eines Ethik-Professors dürften denn auch nicht die Entfaltungsrechte im Vordergrund stehen, vielmehr gelte es, die Abwehrrechte zu stärken. Wichtiger als ein Recht auf Tourismus müsse sein, die von der Reisetätigkeit anderer betroffenen Menschen vor den negativen Folgen zu schützen.

Dass der Reisebranche dabei eine besondere Verantwortung zukommt, ist unstrittig. Ebenso freilich auch ihr Desinterresse und Versagen. Wo es um Deckungsbeitrag und Marktanteile geht, hat Ethik keinen Platz. Dies bekannte der Geschäftsführer eines mittelständischen Reiseunternehmens klar. "Fusionieren und füsilieren" lautet die Devise.

Ganz so düster mochten es einige Kollegen zwar dann doch nicht sehen. So bestehe über die Auswahl der Vertragspartner und ihrer Leistungen in den Zielländern durchaus die Möglichkeit der Einflussnahme auf die soziale und ökologische Verträglichkeit des Angebots. Letztlich müsse man aber auch bereit sein zum (finanziellen) Verzicht.

Schlechte Karten für die Ethik? Eindeutig ja - beim derzeit freien Spiel der Kräfte. Ein Wertesystem mit Handlungsanweisungen existiert in der Touristik nicht. So rollt die Dampfwalze ungebremst.

Steuernd eingreifen, so die Meinung aus der wissenschaftlichen Ecke, könne allein die Politik. Sowohl in den bereisten Ländern als auch in den Quellgebieten des Tourismus müsse ein Diskurs einsetzen, an dem alle Betroffenen beteiligt seien - plus ethischem Berater. Wünschenswert; ein Ethik-Beirat für die Tourismusbranche. Wenn es in Schweden darum gehe, ob die Toten der Estonia auf dem Meeresgrund bleiben oder an Land beerdigt werden, befasse sich damit eine nationale Ethik-Kommission. Ein solches Gremium gibt es in vielen Ländern. In Deutschland leider nicht.



zurück