Ammerlander Gespräch 1999
Pressestimmen
 


Telex Dienst Tourismus (tdt), 22. Oktober 1999

"Fusionieren und füsilieren"
Ethik im Tourismus / Der Branche fehlt ein Wertesystem
Von Thomas Michael Schweizer

München - Das Feriengewerbe diskutiert erstmals über Ethik zwischen Macht und Moral. "Ein zunehmend aktuelles Thema", so der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung. Zuvor machte die World Tourism Organisation (WTO) einen Mangel an sittlichem Handeln aus.

Während ihre Kundschaft Feingefühl meist eher unbedacht vermissen läßt, sind Reisemanager schon von Haus aus nicht zimperlich. Sie paktieren mit Unrechtsregimes, kippen Müll ins Meer, umgehen Sozialgesetze - und bringen Urlauber immer wieder in betrügerischer Absicht um ihre Ferien. Ihre Branche, schilt die Fachzeitschrift "FVW International", sei "mit ihren teilweise rüden Spielregeln nicht gerade ein Vorbild in Sachen Ethik".

Dabei gibt es durchaus Ansätze. Ein Veranstalter von Studienreisen etwa organisiert in Zielländern neuerdings "Foren der Bereisten", um die dort vom Fremdenverkehr verursachten Probleme einzugrenzen und abzubauen. Die Realisierung sei allerdings schwierig, schränkt der Firmenchef ein. Die Neugier bei den einfachen Leuten sei gering. Und lade er den Popen ein, "kommt der Bischof und der hat zwei Hotels".

Ausgeprägter scheint das Verantwortungsbewußtsein in anderen Industriezweigen. Ein großes deutsches Handelsunternehmen etwa entwickelte schon vor Jahren einen "Code of Conduct", der die Zusammenarbeit mit Lieferanten nicht nur im ökonomischen, sondern auch im ökologischen und sozialen Bereich regelt. Elf Mitarbeiter überwachen dabei die Einhaltung des Pflichtenheftes: Von Kindern produzierte Ware etwa gehe als "sozial kontaminiert" zurück. Man habe, so der zuständige Mitarbeiter weiter, allein 1998 "auf 28 Millionen Mark aus sozialer Verantwortung verzichtet".

"Nachdenken über Handlungsalternativen" lautet darum auch die Forderung, die ein Tübinger Professor - Mitglied der Ethik-Kommission der Europäischen Union (EU) - bei der Tourismuswirtschaft einklagt. In ihrem Geschäft bliebe zu oft ein fairer Interessenausgleich zwischen allen Beteiligten auf der Strecke. Eine Expertenkommission müsse endlich bindende Ethikregeln festsetzen: "Auf freiwilliger Basis wäre es schließlich auch nie zu Umweltgesetzen gekommen."

Teile des Reisegewerbes könnten damit offensichtlich leben. Ihm fehlten einfach "Werte und Bezugspunkte", um durch sein Haus eine ethische Richtschnur zu ziehen, so der Chef eines großen deutschen Reiseveranstalters. Deshalb tue er sich "sehr schwer, da etwas in Gang zu bringen". Doch es geht. Das Personal eines Konkurrenten orientiert sich seit Anfang des Jahres an einem Unternehmensleitbild mit einem zwölf Punkte umfassenden Wertesystem, bei dem nicht die Gewinnmaximierung an erster Stelle steht, sondern "Brücken schlagen zu anderen Menschen und Kulturen".

Dass sich Ferienfirmen zu ihrer ethischen Verantwortung bekennen, ist allerdings noch die Ausnahme. Es gehe "ums Geschäft, und sonst um gar nichts", so ein seit über 30 Jahre tätiger Manager. Auf dem Reisemarkt tobe "ein Partisanenkrieg", Verdrängungswettbewerb dulde keine Ethik: "Es heißt fusionieren und füsilieren."



zurück