ZwischenRufe –
Ungefragt nachgefragt auf der ITB Berlin
 

"ZwischenRufe" 2011 auf der ITB Berlin

Einleitung (Auszug)
Armin Vielhaber

Grüß Gott meine Damen und Herren - Merhaba sevgili arkadashlar.
Es ist wieder Zeit für die "ZwischenRufe auf der ITB".

"Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb
sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief".

Das ist der Anfang einer bekannten Volksballade aus dem 14. Jahrhundert.
Königskinder? (Fragezeichen!!!) ist der Titel unserer heutigen ZwischenRufe.

Es geht um das Nicht-Zusammenkommen und Zusammenkommen - um das Nebeneinander und Miteinander

- von Deutschen und ihren türkischen oder türkischstämmigen Mitbürgern im hiesigen Alltag

- aber auch von Deutschen Urlaubern und ihren türkischen Gastgebern in der Türkei - denn wir befinden uns ja hier nicht auf einem Migrations- oder Integrationskongress sondern auf der Internationalen Tourismusbörse.

Es geht also um Rahmenbedingungen und Faktoren, die beim Mit- und Nebeneinander im Alltag und im Urlaub eine Rolle spielen. Es geht um verpaßte, aber auch genutzte Chancen und Beispiele, Trennendes zu überwinden und Gemeinsames zu stärken.

Erfolgsgeschichten von Integration und Begegnung finden in der Regel weniger Aufmerksamkeit als Mißerfolge - hier könnte unsere heutige Diskussionsrunde vielleicht neue Akzente setzen.

Fakt ist: Das Interesse von Türken und Deutschen, das jeweils "anderen Ufer" zu erreichen, begann etwa zur gleichen Zeit.

Die Zahl türkischer Gastarbeiter, die sich vor 50 Jahren nach Deutschland aufmachten, startete praktisch bei Null. Basis war ein Abkommen zwischen der Türkei und Deutschland zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte.

Die Zahl deutscher Türkei-Urlauber lag damals im sogenannten peanuts-Bereich. Antalya war noch eine verschlafene Provinzstadt.

Die Anwerbung türkischer Gastarbeiter wurde bereits Anfang der 70er gestoppt, ihre Rückkehr gezielt gefördert. "Wir hatten Arbeitskräfte gerufen und es waren Menschen gekommen", so hat es Max Frisch formuliert.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat dazu in einem ZEIT-Interview gesagt: "Unsere deutsche Gesellschaft hat sich nicht ausreichend fähig gezeigt, alle Ausländer wirklich zu integrieren. Wir hätten ihnen schulische Bildung geben müssen. Wir hätten ihnen alle möglichen Türen öffnen müssen. Das haben wir nicht getan. Die Deutschen erkannten nicht, dass viele Ausländer auf Dauer bleiben wollten."
Heute leben mehr als 2,5 Mio Menschen mit "türkischen Wurzeln" in Deutschland - knapp 600.000 besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit.

Seit 2005 gibt es einen Trend zur Rückwanderung: Das heißt, es gehen jährlich mehr als kommen. Zu den Rückkehr-Gründen zählt das fehlende Heimatgefühl, der Zweifel, dass in Deutschland keine glaubwürdige Integrationspolitik betrieben wird. Die Rückkehrer werden in der Türkei "Deutschländer" genannt oder "Almancilar". Die Zahl dieser "Grenzgängern zwischen den Kulturen" geht weit in die Hundertausende.

Jedes Jahr machen 3,5 bis 4 Mio. Deutsche ihre Haupturlaubsreise in die Türkei. Ein Drittel der Bundesbürger ab 14 Jahre hat bereits Urlaub in der Türkei gemacht - das sind 24 Mio Personen. Deutsche Urlauber nehmen dort längst eine Spitzenposition unter den Auslandsbesuchern ein. Dass sie in ein islamisch geprägtes Land reisen, stört sie nicht. Derweil finden zu Hause Integrationsdebatten statt, wird diskutiert, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Deutsche Türkei-Urlauber treffen nach wie vor auf wahrlich exzellente Gastgeber - darunter viele "Almancilar", die im Tourismus arbeiten.

Wie schaut es umgekehrt aus? Welche Aufmerksamkeit genießen unsere türkischen Mitbürger hier bei uns? Welche Ressentiments werden noch immer gepflegt? Von wem und warum? - auf beiden Seiten.

Zu welchen Einstellungen und Images - über die jeweils Anderen - haben Erfahrungen in der Alltags- und Urlaubswelt geführt? Welche Wirkungen erzeugen sie bei wem? Was lernen Urlauber in der Türkei über die Türkei? - Was lernen türkische Mitbürger in Deutschland über Deutschland? Können sich Erfahrungen im Urlaub und Alltag gegenseitig befruchten?

Was bedeutet die Erkenntnis "Je mehr Kontakte desto weniger Vorurteile"?

Wie haben vor Jahren im Rahmen einer Studie ermittelt, dass Deutsche, die beim Auslandsurlaub intensivere Begegnungen mit Einheimischen hatten - oder im hiesigen Alltag Kontakte mit Ausländern, die bei uns leben - dass diese Deutschen deutlich positivere Meinungen über in Deutschland lebende Ausländer vertraten:

- etwa wenn es um Ihren Beitrag zum Wohlergehen unseres Landes geht oder zur Bereicherung unserer Kultur

- sie waren weniger bereit, die Rückkehr von Ausländern in ihre Heimat zu befürworten, wenn die Arbeitsplätze bei uns knapp werden.

Im Januar 2008 zeigte sich in einer unserer Martkforschungs-Studien, dass sich unter den jährlich vier Mio deutschen Türkei-Urlaubern mindestens 400.000 befinden, die ein Interesse an organisierten Begegnungsangeboten im Urlaub haben, bei denen man türkische Einheimische auf der Basis von gleichem Beruf oder Hobby - also auf gleicher Augenhöhe - kennenlernen kann - im Rahmen von Gesprächen oder gemeinsamen Unternehmungen.
Chance und Herausforderung für das Gastland Türkei!

Meet-the-people-Angebote dieser Art gibt es bisher nicht - da müßte man schon nach Jamaica reisen.

Welche Verständnis fördernden und Distanz abbauenden Begegnungsangebote gibt es in Deutschland?

Oder sollen wir in freudiger Erwartung auf ein ganz anderes Szenario setzen?:
70% der deutschen Türkei-Urlauber machen derzeit All-Inclusive-Urlaub.
Bereits 17% unserer türkischen Mitbürger in Deutschland haben All-inclusive-Erfahrung. Deren Zahl dürfte weiter steigen. Wenn der Kontakt im Alltag schon nicht optimal läuft - dann treffen sich beide halt in All-inclusive-Anlagen in der Türkei, um sich dort in entspannter Urlaubsatmosphäre besser kennenzulernen. Die "Almancilar" helfen mit einem Animationsprogramm. Dann wären die Königskinder zusammen gekommen - auf einem bemerkenswerten Umweg.

Zu unserer heutigen Diskussionsrunde begrüße ich - auch im Namen des BMZ und der ITB Berlin - ganz herzlich:

- Vural Öger, Gründer des größten deutschen Türkei-Reiseveranstalters Öger Tours . In Sachen Türkei-Tourismus ein Mann der ersten Stunde. Vural Öger ist ehem. Europa-Parlamentarier, Geschäftsführender Gesellschafter von Öger Türk Tur und Mitglied im Aufsichtsrat von Thomas Cook.

- Dr. Günter Seufert, Mitarbeiter der Forschungsgruppe EU-Außenbeziehungen der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er hat als freier Journalist und Autor 19 Jahre in der Türkei gelebt. Seine wohl bekannteste Veröffentlichung ist das Buch "Cafe Instanbul".

- Goekhan Tuncer, Lecturer des German-Turkish Masterprogramms in Social Sciences am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt- Universität. Er lebt seit 10 Jahren in Berlin, hat kürzlich seine Dissertation eingereicht und verfügt durch langjährige freie Mitarbeit im Studienkreis über Fachexpertise in Sachen Tourismus.

Christiane Schlötzer, langjährige Türkei-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, mußte leider kurzfristig absagen, da sie heute an der Beerdigung eines plötzlich verstorbenen guten Freundes teilnehmen muß.

Alle drei Diskutanten verstehen sich als Vermittler zwischen den Kulturen.

Günter Seufert und Gökhan Tuncer (aber auch Christiane Schlötzer) haben an dem neu erschienenen SympathieMagazin "Türkei verstehen" mitgewirkt: Günter Seufert als Mitredakteur, die beiden anderen als Mitautoren.
DAS WAR DER WERBEBLOCK!

Und last not least begrüße ich aufs herzlichste:

- Helga Kirchner, ehemalige "Chefredakteurin Hörfunk" beim WDR. Sie moderiert heute bereits zum fünftenmal die ZwischenRufe auf der ITB.

Ihnen allen sei herzlich gedankt für Ihre Mitwirkung.

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