ZwischenRufe –
Ungefragt nachgefragt auf der ITB Berlin
 

"ZwischenRufe" 2012 auf der ITB Berlin

Einleitung (Auszug)
Armin Vielhaber

Grüß Gott meine Damen und Herren - Ahlan wa Sahlan - Herzlich Willkommen
bei den "ZwischenRufen auf der ITB".

"Unser Staat möchte, dass wir immer gerade ausschauen. Wie beim Fahren auf einer Autobahn. Der Blick zur Seite nach möglichen Abfahrten nach Alternativen ist nicht erwünscht. Aber genau darauf käme es an."

Das erzählte mir im Jahr 2000 ein 19 Jahre junger Mann. Ich war ihm am Rande jener interkulturellen Tourguide-Training-Seminare begegnet, die der Studienkreis seit langem in Entwicklungs- und Schwellenländern durchführt - auch in arabischen Destinationen.

Ich traf den jungen Mann zu einer Zeit, als Al-Dschasira gerade mal vier Jahre auf Sendung war. Im Internet begannen die ersten Blogger aktiv zu werden. 2004 ging Facebook an den Start.

Wenn man sich damals mit jungen Menschen unterhielt, war eines unübersehbar: die wachsende Neugier und Wißbegier auf alles, was außerhalb der "Autobahn" liegt und eine große Ernsthaftigkeit bei der Betrachtung der privaten und gesellschaftlichen Lebensumstände.

Seit den Ereignissen des "Arabischen Frühlings" denke ich immer wieder an dieses Bild von der "Autobahn" und dem nicht erwünschten aber notwendigen Blick auf die "Abfahrten".

Ich erinnere mich an eine Karikatur in unserem 2003 erschienenen SympathieMagazin "Syrien verstehen" in der ein Regime-Vertreter während des damaligen "Damaszener Frühlings" sagt: "Wir sind mit Herz und Seele für Veränderung ...unter einer einfachen Bedingung: dass sie nicht an Bestehendem rührt".

Oder an den Filmemacher Oussama Mohammad. Er verweist auf den Koran: "Du bist mit Augen und Ohren auf die Welt gekommen .... gehe über Grenzen hinaus". Er bezieht Stellung: "Ich habe etwas gegen Macht, jegliche Macht. Ich beobachte das Wesen der Macht ohne Hass, mit Traurigkeit, ich finde sie lächerlich, und ich finde ihre Ausdrucksformen erbärmlich."

Ich erinnere mich an die 23jährige Medizinstudentin Amina, die 2008 in "Tunesien verstehen" sagt: "Viele junge Leute stecken in einer Identitätskrise. Sie schwanken zwischen Europa und der arabischen Welt, zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und dem Bedürfnis nach fester Ordnung".

Und an den Rapper Balti, der fragt: "Wo soll ich hin, wo soll ich hin mit meiner Wut? Ich will meine Würde und ich werde meinen Kaffee in Europa trinken".

Oder an den Theatermacher Fadhel Jaibi, der Stücke schreibt mit Themen, von denen die Regierung nichts wissen will: von einem repressiven Regime, das seinen Bürgern keine Freiheiten läßt. Der aber sagt: "Wenn man etwas verteidigt, an das man glaubt, hat man keine Angst."

Der Zündfunke für politische Veränderungen in der Region kam am 17. Dezember 2010 aus dem tunesischen Sidi Bouzid, wo sich der 27jährige Gemüsehändler Mohammad Bouazizi aus Protest gegen Demütigungen seitens der Behörden öffentlich verbrannte.

Zehn Tage später begannen Demonstrationen in Sidi Bouzid - und weiteten sich aus. Am 4. Januar 2011 starb der junge Mann. Zehn Tage später, am 14. Januar, setzte sich Präsident Ben Ali ins saudische Exil ab.

Am 25. Januar 2011 begannen in den großen Städten Ägyptens die Demonstrationen. Am 11. Februar trat Präsident Mubarak zurück.

In Lybien und im Jemen sind Versuche, die Befreiungswelle aufzuhalten gescheitert. Zurzeit verfolgen wir mit Beklemmung die gewaltsamen Vorgänge in Syrien.

Wie geht es weiter?

Volker Perthes schreibt in seinem Buch "Der Aufstand. Die arabische Revolution und ihre Folgen": "Die arabische Revolte von 2011 ist vor allem ein Aufstand der Jugend." Und dann am 30.12. in der Süddeutschen Zeitung: "Die 2011er', der revolutionäre Teil dieser Generation, gehört nicht unbedingt zu den Gewinnern der Wahlen, die seither stattgefunden haben."

Es wird also - meine Damen und Herren - vieles davon abhängen, ob die junge Generation an positiven Veränderungen teilhaben und glaubwürdige Perspektiven wahrnehmen kann.

"Generation Zukunft! Die arabische Zeitenwende hat erst begonnen" - lautet das Thema unserer heutigen ZwischenRufe auf der ITB.

Zur Diskussionsrunde begrüße ich - auch im Namen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der ITB Berlin und von Studiosus - die allesamt die heutige Veranstaltung unterstützen - ganz herzlich:

- Asmaa Mahfouz aus Kairo. Sie ist eine jener fünf Aktivistinnen und Aktivisten des "Arabischen Frühlings", die im Dezember 2011 in Straßburg vom EU-Parlament mit dem "Sacharow-Preis für geistige Freiheit" ausgezeichnet wurden - stellvertretend für alle, die in der Arabischen Welt mutig für Freiheit und politischen Wandel eingetreten sind. Asmaa Mahfouz hatte als Bloggerin mit ihrem inzwischen weltberühmten Video zum Protest auf dem Tahrir-Platz aufgerufen.

Asmaa, wir freuen uns sehr, dass Sie heute hier bei uns sein können. Sie haben in Straßburg in ihrer Dankesrede u.a. gesagt, dass dies der Beginn einer neuen Ära in den Beziehungen zwischen Europa und der arabischen Welt sei, um ein gegenseitiges Verständnis zu erreichen. Stereotype Vorstellungen von der arabischen Welt hätten diese Beziehungen allzu lange belastet. Das hat mir besonders gut gefallen.

- Professor Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik musste leider kurzfristig absagen. Die Stiftung ist ja ein Think Tank der Bundesregierung - und die benötigt just am heutigen Tag die Expertise von Volker Perthes.

- An seiner Stelle konnten wir kurzfristig Dr. Gunter Mulack gewinnen, den Direktor des Deutschen Orient Instituts. Gunter Mulak ist ein ausgewiesener Kenner der arabisch und islamisch geprägten Welt - durch seine langjährige Tätigkeit als Diplomat und Botschafter in diversen, vor allem arabischen Ländern. Als "Beauftragter des Auswärtigen Amts für den Dialog mit der islamischen Welt" hat er bereits 2003 an den ZwischenRufen zum Thema "Tourismus und Weltreligionen" teilgenommen. Mit ihm zusammen begrüße ich - ebenfalls zum zweiten Mal bei den ZwischenRufen:

- Björn Blaschke, WDR-Reporter und langjähriger ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen und Mittleren Osten. Seine Stimme und seine Radio-Kommentare zu den Ereignissen im und seit dem "Arabischen Frühling" dürften inzwischen vielen vertraut sein. Björn Blaschke hat 2009 die ZwischenRufe zur Tourismusentwicklung in den Golfstaaten moderiert.

- Als Überraschungsgast begrüße ich sehr herzlich den Politikwissenschaftler und renommierten Buchautor Hamed Abdel-Samad, der durch seine Publikationen und seine Life-Berichterstattung aus Kairo während der Revolution in Ägypten inzwischen einem breiten Publikum in Deutschland bekannt ist. Wir haben uns gestern zufällig hier auf der ITB getroffen. Ich habe ihn spontan eingeladen und er hat spontan zugesagt. Und last but not least begrüße ich sehr, sehr gerne: Helga Kirchner, ehemalige "Chefredakteurin Hörfunk" beim WDR. Sie moderiert heute bereits zum sechsten Mal die ZwischenRufe auf der ITB.

Ihnen allen sei herzlich gedankt für Ihre Mitwirkung.

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